Hallo, liebe Designer-Babys

„Machen wir die Augen blau oder braun?“

„Blau passt besser zu den blonden Haaren, die wir ausgesucht haben.“

„Okay, aber dann machen wir die Nase etwas kleiner.“

„Hmm. Mehr als fünf Prozent höhere Intelligenz kostet extra.“

„Willst du etwa an unserem Kind sparen?“

So oder so ähnlich könnte eine Diskussion verlaufen, die zukünftige Eltern vor der Zeugung eines Babys führen werden. Nein, nicht in einem Science Fiction Roman und auch nicht im nächsten Jahrhundert. Früher. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie, lieber Leser, das noch erleben, ist ziemlich hoch. Sie sind skeptisch oder halten das für übertrieben? Mal sehen, ob Sie am Ende dieses Eintrags noch genauso denken 🙂

Mit der Entdeckung des „Gotteswerkzeugs“ CRISPR/Cas9 haben die Menschen die nötige Technologie zum Design von Babys in der Hand. Im Moment zwar nur rudimentär, aber die Weiterentwicklung ist bloß eine Frage der Zeit. Ob sie auch eingesetzt wird? Jetzt könnte man einfach argumentieren: „Was möglich ist, wird auch gemacht.“ Das ist (leider) so, aber es gibt noch bessere Argumente.

Mit dem Gotteswerkzeug kann man Erbkrankheiten ausschalten und viele Behinderungen vermeiden. Würden Sie das nicht wollen? Würden das nicht alle verantwortungsvollen Eltern wollen? Natürlich. Also kommt das Werkzeug zum Einsatz. Und wenn man eh schon mal dabei ist, könnte man doch auch dafür sorgen, dass die Tendenz zu Übergewicht sinkt, oder das Kind nicht so eine komische Höckernase wie der Opa bekommt. Das sind zwar keine Krankheiten, aber das Leben würde dadurch leichter. Schöne Menschen machen einfacher Karriere. Das ist wissenschaftlich erwiesen, und wer möchte seinem Kind nicht eine gute Karriere ermöglichen? Und, wenn es geht, dürfte es auch ein bisschen mehr Intelligenz sein, und höhere Konzentrationsfähigkeit wäre auch gut.

„Das wollen Menschen nicht.“ Wirklich nicht? Bei einer Umfrage unter Studenten (also denen, die schon eine gute Portion Intelligenz mitbringen) wären 80% Prozent aufgeschlossen für ein Medikament zur Steigerung der Gedächtnisleistung. Hunderttausende legen sich unters Messer, um Fett loszuwerden, Falten zu straffen, Busen zu vergrößern oder ihren Körper sonstwie zu optimieren. Wer glaubt ernsthaft, dass es große Widerstände gegen weitere Möglichkeiten der Optimierung gibt?

Und selbst wenn es die gäbe, was würde passieren? In irgendeinem Land der Welt würden diese Optimierungsmaßnahmen erlaubt werden. (Nur mal zur Info: Chinesische Wissenschaftler haben CRISPR/Cas9, also das Gotteswerkzeug, bereits an menschlichen Embryonen ausprobiert.) Stellen Sie sich mal vor, dass Millionen neugeborener chinesischer Babys eine zehn bis zwanzig Prozent erhöhte Intelligenz hätten. Wie lange würden die USA zögern, bis sie ihren Bürgern Ähnliches erlauben? Und wie lange würde eine europäische Regierung ein Verbot durchhalten können? Natürlichkeit hin oder her, keine Regierung wird sich den Vorwurf erlauben können, ihre Bürger „dumm“ zu halten.

Wir sollten uns also darauf einstellen, dass diese Zeiten kommen werden, bei den rasanten Fortschritten eher früher als später. Manche halten diese Entwicklung sogar für den nächsten Schritt der Evolution. Bisher sind Veränderungen und Weiterentwicklungen zufällig erfolgt, bis sie die heutige Intelligenz hervorgebracht haben. Jetzt ist die Intelligenz so weit gediehen, dass die Menschheit sich gezielt weiterentwickeln kann. Wohin das führen wird? Es wird mit Sicherheit atemberaubend werden – im positiven wie auch im negativen Sinn, denn die Missbrauchsmöglichkeiten werden genauso rapide anwachsen. Sportler, die ihren Körper dazu bringen, sein eigenes EPO zu produzieren, sind da noch die harmlose Variante.

Bevor uns der Atem endgültig stockt, lassen Sie uns noch auf einen Blick auf eine Schulhofdiskussion werfen, die die Kinder der Eltern aus der Anfangsdiskussion führen könnten:

„Du bist doch bloß ein künstlich gezeugtes Designer-Baby.“

„Was willst du denn, du zufällig zusammengewürfelter Genmix? Deine Eltern hatten doch nur ihren eigenen Spaß im Kopf, meine Eltern haben sich Mühe gegeben, als sie mich entworfen haben.“

Tja, eine seltsame Welt, die Zukunft.

 

Foto: © didesign – Fotolia.com

5 Gedanken zu „Hallo, liebe Designer-Babys“

  1. Die Kehrseite der Medaille: Wenn etwas schief gehen kann, wird es auch schief gehen.
    Wohin mit den zufällig entstehenden Monstern? In den Schredder wie die Hähnchen?
    Welcher Staat erzeugt als Erster Supersoldaten? Man braucht ja nur wenige, die Besten kann man dann klonen.
    Werden die dann noch von (Leih)-Müttern ausgetragen oder entstehen die schon im Brutkasten?
    Zu den sog. 12 Gefahren für die Menschheit muss man noch eine hinzu fügen.
    Es wird Zeit den bestehenden Genpool der Menschheit zu sichern. Vielleicht werden wir den eines Tages dringend brauchen um Fehlentwicklungen zu korrigieren. Für einen genetischen Reset.

  2. Gut, dass ich die nicht mehr erleben werde. Die soziale Kluft wird immer grösser, es wird nur noch eine Frage des Geldes sein, was und wie der Nachwuchs wird. Dies ist nicht zu vergleichen mit dem „normalen“ Fortschritt, hier kann man sich anpassen, ob die Gesellschaft die Verantwortung in der Gentechnologie tragen kann? Zweifel sind erlaubt.

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