Brexit, IS & Co: Geburtswehen einer planetaren Zivilisation

Man kann die Entwicklung der menschlichen Zivilisation in verschiedene Stufen einteilen. Wir erleben gerade den Übergang in eine neue Stufe – mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen, Fortschritten und Ängsten.

In der Steinzeit gab es die Familie/den Stamm, die „Produktion“ bestand aus Jagen und Sammeln, und die Kommunikation beschränkte sich auf das Sprechen. Es folgte die Stufe der Stadtstaaten/Königreiche mit Ackerbau, Viehzucht und Schrift. Dann kamen die Nationalstaaten mit industrieller Produktion und Buchdruck/Telefon. Die älteren Leser dieses Blogs (und auch ich) haben die letztgenannte Stufe unserer Zivilisation noch in Reinform erlebt – aber diese Zeit ist vorbei. Über Internet kommunizieren wir weltweit in Echtzeit, ob Sie diese Zeilen in Deutschland lesen oder irgendwo auf der Welt, spielt keine Rolle mehr. Genauso ist das Gerät, auf dem Sie diese Sätze sehen, ein Produkt einer weltweiten Zivilisation. In jedem Computer, Tablet oder Handy stecken tausende Patente von Wissenschaftlern oder Unternehmen auf der ganzen Welt. Kein Unternehmen und kein Land kann moderne Technik herstellen, ohne auf Kenntnisse und Produkte von anderen zuzugreifen.

Auch wenn der Begriff „planetare Zivilisation“ etwas hochgestochen klingt, deckt er doch das ab, was auf uns zukommt – und was wir teilweise schon erleben. Wir leben „planetar“, sei es, ob Sie im Urlaub auf die Malediven fliegen oder in Ihrem Auto das Öl aus der arabischen Wüste verbrennen: Wir nutzen (und verschmutzen) nicht mehr nur unser Land sondern den ganzen Planeten.

Mit der Änderung der Produktion und der Kommunikation ändert sich zwangsläufig auch die Gesellschaftsform. Die Wissenschaftler der Great Scenario Group (mehr dazu hier) nennen die Weltregierung als nächste Stufe, aber das wird wohl noch etwas dauern, weil die Menschen doch sehr eigenwillig sind. Sicher ist aber, dass der Nationalstaat zu der Zivilisationsstufe gehört, die wir mit unserer Technik, Kommunikation und Lebensweise bereits hinter uns gelassen haben. Es wird ihn weiterhin geben, wie es auch noch Familie gibt, aber die Bedeutung wird sich verschieben. Auch Staaten müssen sich miteinander absprechen, weil sonst vielleicht Rohstoffe oder Handelsbeziehungen gefährdet sind. Ob sie wollen oder nicht, sie stehen in Konkurrenz zueinander und werden verglichen.

Diese Veränderungen verursachen jede Menge Ängste, weil die eigene bekannte Welt nicht mehr durch Grenzen geschützt ist. Da kann die Firma, in der man arbeitet, nicht nur ihre Produkte nach China verkaufen, sondern verlagert ihre Produktion dorthin, oder stellt einen polnischen Arbeiter ein. Da erkennen Menschen in muslimischen Ländern plötzlich, dass z. B. die vom Islam bestimmte Lebensweise nicht die einzige auf der Welt ist, sondern dass Milliarden Menschen anders leben – und dabei Erfolg haben. Das rüttelt am Selbstbewusstsein und nicht wenige versuchen, diese Entwicklung aufzuhalten oder zurückzudrehen.

Was bedeutet das für unsere Zukunftsaussichten?

  1. Die Entwicklung zu einer planetaren Zivilisation lässt sich nicht aufhalten. Den weltweiten Informationsaustausch über Internet und Fernsehen kann man ebensowenig abschalten wie die Möglichkeit zu Reisen, die wir wegen unserer Erholung möchten oder für unsere Arbeit brauchen. Dass unser Leben planetare Ausmaße erreicht hat, ist jetzt schon Tatsache, nur die Gesellschaftsform hinkt noch hinterher.
  2. Die Entwicklung wird sich sogar beschleunigen. Früher sorgten geniale Einzelpersönlichkeiten für Fortschritt, heute sind es große, meist internationale Teams. Waren früher nur wenige Länder innovativ, sind es heute viele Länder auf dem ganzen Planeten. Jeden Tag gewinnen weltweit Millionen Wissenschaftler neue Erkenntnisse, und Millionen Ingenieure arbeiten täglich daran, bestehende Produkte zu verbessern oder neue zu erfinden. Weltweit. Die Idee, die ein koreanischer Entwickler hat, werden Sie diesen oder nächsten Weihnachten vielleicht in Form eines neuen Handys in der Hand halten. Niemals haben so viele Menschen am Fortschritt unserer Zivilisation gearbeitet, weshalb die Fortschritte und Veränderungen auch immer schneller kommen. Und wenn dann noch die Künstliche Intelligenz hinzukommt (wie früher in diesem Blog beschrieben), wird sich das Tempo weiter erhöhen.

Veränderungen sind oft schmerzhaft und mit unschönen Effekten verbunden. Wer wünscht sich schon Pickel im Gesicht? Aber Erwachsen-Werden möchte trotzdem jeder. Brexit, der Islamische Staat und manches Andere sind schmerzhafter Teil dieses Prozesses, denn bei Veränderungen wird es immer widerstreitende Kräfte geben. Den großen Prozess werden sie nicht aufhalten können, denn die Tatsachen sind ja schon da. Es bleibt nur zu hoffen, dass bei den widerstrebenden Kräften nicht zu viele Menschen auf der Strecke bleiben und der Schaden nicht zu groß wird. Insgesamt wäre es sicher besser, seine Kräfte dafür einzusetzen, dass das Erwachsen-Werden der Menschheit möglichst gut gelingt.

Ein Gedanke zu „Brexit, IS & Co: Geburtswehen einer planetaren Zivilisation“

  1. „… und die Kommunikation beschränkte sich auf das Sprechen. “
    Nicht ganz. Denn auch mit der Entwicklung der Sprache hat die Körpersprache immer noch nicht ihre Bedeutung verloren. Wir trommeln uns zwar heute nicht mehr mit den Fäusten auf den Brustkorb aber die Signale der Körpersprache sind immer noch wichtiger Teil unserer zwischenmenschlichen Beziehungen. Gar nicht zu reden von den Signalen die wir senden durch: dickes Auto, größerer Schreibtisch, Büro in der obersten Etage, Kleidung, usw.
    Weil wir uns aber im Internet nicht sehen können haben wir die Emoticons erfunden. 😉

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