Ein neues Herz? Oder eine Leber?

Das Herz macht es nicht mehr lange? Oder die Leber? Heute heißt es: warten – und vielleicht sogar sterben. Morgen heißt es möglicherweise: Wir drucken Ihnen ein neues Organ.

Auf dem Weg dorthin sind amerikanische Forscher des Carnegie Mellon University College of Engineering einen großen Schritt weitergekommen. Sie haben mit einem 3D-Drucker aus Herzmuskelzellen und Kollagen eine linke Herzkammer gedruckt – und die begann nach wenigen Tagen zu schlagen. (Hier ist der ausführliche Bericht.)

Ein ganz wunderbarer Erfolg, denn es geht bei Ersatzorganen um nichts weniger als um Menschenleben. Ein gesunder Mensch kann sich wahrscheinlich gar nicht in die Verzweiflung einfühlen, wenn der Tod vor der Tür lauert, man auf einer Warteliste steht und Tag um Tag verstreicht. Wenn man im Grunde hofft, dass ein anderer Mensch rechtzeitig stirbt, damit man selbst leben kann. In diese Situation möchte man niemals kommen, und man wünscht jedem, der in solch einer Situation lebt, allerschnellste Hilfe durch ein neues Organ.

Wie klingt es dann, wenn ein Politiker aufschreit: „ethischer Megaverstoß“? Das war vor ein paar Tagen bei einem anderen Forschungsvorhaben zu Organen der Fall. Konkret geht es dabei darum, dass menschliche Organe in Tieren gezüchtet werden. Japan hat es einem Forscher erlaubt, menschliche Stammzellen in Tiere einzubauen und so beispielsweise ein Ferkel zu züchten, das eine menschliche Bauchspeicheldrüse hat, die man dann einem Menschen einpflanzen kann.

Das hört sich im ersten Moment vielleicht gruselig an, ist bei genauerem Hinschauen aber nicht so sehr viel anders, als es heute schon praktiziert wird. Doppelt schade, dass der SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach mit seiner Empörung Menschen verunsichert, denn er sollte wissen, dass wir sogar in unserem Land menschliche Gene in Bakterien einfügen, um Insulin herzustellen. Oder wir verpflanzen Schweineherzklappen in Menschen, womit wir Chimären schaffen. Aber wollen wir lieber Menschen sterben lassen? Auch die Argumentation, dass hierbei Tiere missbraucht würden, ist … schwierig. Solange wir akzeptieren, dass Schweine getötet, in Stücke geschnitten und auf den Grill gelegt werden, haben wir kein Recht, uns darüber aufzuregen, dass man ein Schwein züchtet, um ein Menschenleben zu retten, zumal dieses Schwein wahrscheinlich bestens gepflegt würde und es gegenüber seinen Kollegen mit Grillperspektive ein geradezu paradiesisches Leben führen wird.

Manchen wäre ein Organ aus einem Drucker trotzdem lieber als eins aus einem Tier (mir auch), aber noch ist die Entwicklung nicht weit genug fortgeschritten, um sicher sagen zu können, dass der 3D-Druck bei allen Organen gleich gut funktioniert. Von daher ist es gut, mit der Organzucht in Tieren einen weiteren Pfeil im Köcher zu haben, denn wir dürfen nicht vergessen: Es geht um Menschenleben – und vielleicht sogar einmal um Ihres oder meines.

Insgesamt sind diese Forschungen hervorragende Zukunftsaussichten für Tausende von Menschen. Und es geht nicht nur um Herzen. Menschliche Haut, Eierstöcke, Ohrmuschel, Leber … Die Palette an Organen, an denen gearbeitet wird, wächst schnell – und gibt vielen Menschen Hoffnung. Die sollten wir nicht durch voreilige Urteile zerstören, indem wir die Forschung behindern. Natürlich müssen wir sorgfältig vorgehen und auch ethische Fragen beachten. Die oben beschriebenen Technologien haben noch nichts damit zu tun, aber irgendwann wird sie kommen, die ultimative Frage, die ich in meinem Buch „Chimären“ behandle: Wie viel Prozent Mensch muss man sein, um Mensch zu sein?

Sie ist wahrhaftig nicht einfach zu beantworten. Und selbst wenn wir in unserem Land die entsprechende Forschung verbieten, wird es aller menschlichen Vernunft nach irgendwo auf der Welt doch geschehen, womit uns die Frage dann bloß mit Verzögerung einholen wird.

Es ist nicht verwunderlich, dass Menschen bei dieser Frage verunsichert sind. Umso wichtiger ist es, einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht aus dem Bauch heraus einen ethischen Megaverstoß zu behaupten, wo er noch gar nicht stattfindet. Und bei allem Verständnis für die Verunsicherung durch die schnelle Entwicklung, dürfen wir nicht vergessen: Vielleicht gibt es Tausende Menschen, die auf eine noch schnellere Entwicklung hoffen, nämlich weil ihr Leben davon abhängt. Noch sind diese neuen Verfahren nicht einsetzbar, aber die Zukunftsaussichten für betroffene Menschen werden täglich besser.

 

Nachtrag: Diese Entwicklung macht die menschliche Organspende nicht überflüssig, denn bis die neuen Methoden einsatzreif sind, wollen wir doch auch so vielen Menschen wie möglich helfen.

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