Kann eine KI kreativ sein? Oder empathisch?

Angestachelt worden zu diesem Artikel bin ich durch Schwarzrotgold, dem Magazin der Bundesregierung. Das lag unserer Tageszeitung bei und behandelte das Thema Künstliche Intelligenz (KI). Enorm wichtig für unsere Zukunft und sehr gut, dass sich unsere Regierung dazu von einem Digitalrat unterstützen lässt. Dachte ich. Bis ich gelesen habe, was Mitglieder dieses Expertengremiums von sich geben.

Einige Zahlen sind durchaus interessant und hilfreich, aber viele Aussagen führen in die Irre oder sind überhaupt nicht auf der Höhe der Zeit. Das ist fatal bei einem Thema, das für unser Land und für jeden persönlich so sehr wichtig ist.

Eine Auswahl der Aussagen: „Computer sind nicht intelligent.“ „Kreativität, soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz können nur Menschen entwickeln.“

Alles klar, oder? Auf jeden Fall kein Grund zur Sorge, wie mehrfach betont wird. Oder doch? Dass sehr intelligente Leute wie Stephen Hawking, Bill Gates und Elon Musk das etwas anders sehen, muss einen ja nicht stören. Aber sehen wir uns die Argumente doch einmal an, weil es hier ja tatsächlich um äußerst spannende Fragen geht.

Sind Computer intelligent?

Digitalratsmitglied Stephanie Kaiser (Mutter einer zweijährigen Tochter, die an anderer Stelle als Beispiel dient) zitiert als Beleg für die Unintelligenz einen anderen Experten aus dem Digitalrat „Ein Computer versteht erstmal nichts.“ Da hat er vollkommen recht! Aber das Baby von Frau Kaiser versteht erstmal auch nichts. Es muss Informationen aufnehmen, Erfahrungen sammeln und dann lernen, daraus vernünftige Schlüsse zu ziehen. Wenn es dann nach fünfzehn Jahren einen Abschnitt aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, ist die Mutter stolz auf ihre intelligente Tochter. Und wenn ein Computer diesen Text übersetzt und die Tochter ihn bloß in ihre Hausaufgaben geschmuggelt hätte? Der Unterschied zwischen Menschen und Computern ist allerdings, dass ein Mensch zwanzig Jahre braucht, um sehr gut Schachspielen zu lernen, während eine darauf ausgerichtete KI in zwanzig Stunden Weltmeisterniveau erreicht.

Können KIs kreativ sein?

Laut Digitalratsexperten definitiv nicht, aber hören wir, was Lee Sedol, der Großmeister des Go sagt. Go ist das Brettspiel, das komplexer als Schach ist, und von dem man glaubte, dass eine KI darin unmöglich gewinnen kann. Aber was niemand vorher für möglich gehalten hatte, geschah doch: Sedol wurde besiegt, und zwar durch einen beeindruckenden Zug, der alle Experten in Erstaunen versetzt hat. Sedol selbst dazu: „Dieser Zug war wunderschön und unglaublich kreativ.“ Aha.

Ein anderes Beispiel. Man hat einer KI simple Atari-Spiele aus der Frühzeit der Computer vorgesetzt. Zum Beispiel sollte sie mit einem Schläger einen Ball gegen eine Mauer schlagen. Sie kennen dieses Spiel vielleicht. Bei jeder Berührung der Mauer bekommt man einen Punkt und der Mauerstein verschwindet. Anfangs war die KI grottenschlecht, aber KIs lernen schnell. Bald war sie sehr treffsicher, und dann entwickelte sie eine Strategie, mit dem Ball durch gezielte Treffer ein Loch in der Mauer zu schaffen. Dadurch gelangte der Ball hinter sie und sprang unentwegt zwischen Mauer und Spielfeldbegrenzung hin und her – und sammelte massenhaft Punkte. Die Entwickler der KI waren über die Maßen erstaunt, weil niemand von ihnen diesen Trick kannte.

Urteilen Sie selbst: Was ist das anderes als kreativ?

Übrigens wurde am 25.10.2018 bei Christie´s ein Gemälde versteigert, das eine KI gemalt hatte. Preis 380.000 Euro. Und falls Sie gerne ein Musikstück hören möchten, das eine KI komponiert hat, finden Sie am Ende des Artikels einen Link.

Wie sieht es denn mit sozialer Empathie und emotionaler Intelligenz aus?

Um deutlich zu machen, dass das auf keinen Fall möglich ist, führt die Expertin ihre zweijährige Tochter als Beispiel an. Sie kann nur „ja“, „nein“ und „Papa“ sagen, aber trotzdem weiß die Mutter, wie es ihrer Tochter geht und wie sie fühlt. „Das wird KI niemals können“, steht dann selbstsicher und unmissverständlich da. Wirklich nicht, Frau Expertin?

Wie geht es dem Baby? Es freut sich, hat Hunger oder Angst, ist müde … Ganz nüchtern betrachtet sind das bestimmte Zustände der Neuronen im Gehirn. Diese Zustände kann auch die beste Mutter nicht sehen. Was sie sieht, sind aufgerissene Augen, Tränen, Lachen, Bewegungen. All das wird im Gehirn der Mutter verarbeitet, mit Erfahrungen abgeglichen und durch Spiegelneuronen so umgesetzt, dass Frau Kaiser am Ende weiß: Meine Tochter freut sich – und dann freut sich die Mutter mit.

Diese biologischen Vorgänge kann eine KI nicht haben, weil sie weder Neuronen noch Spiegelneuronen hat. Die spannende Frage ist: Sind sie nötig? Alle Gefühle werden für unsere Mitmenschen durch das sichtbar, was man Körpersprache oder Mikroexpressionen nennt. Das können winzigste Bewegungen sein, wie beispielsweise das Absenken der Deckfalte des Auges, das durch eine Kontraktion des Augenringmuskels verursacht wird. Ein Anzeichen, dass das Lächeln des Gegenübers echt und nicht gekünstelt ist. Dieses Erkennen der großen oder kleinen Bewegungen geschieht unbewusst und ist nichts anderes als Mustererkennung – was eine KI wesentlich besser kann als ein Mensch.

Zählen Sie mal mit: 1 … 2 … fertig. Solange braucht in China eine KI, um einen Menschen an seinen Bewegungen zu erkennen. Ob er Perücke und Brille trägt, einen Mantel, oder sogar absichtlich humpelt, spielt keine Rolle. Ich habe ein Video gesehen, in dem vier Teenager getanzt haben. Weibliche und männliche eineiige Vierlinge! Sie waren gleich gekleidet und trugen Masken. 1 … 2 So viele Sekunden brauchte die KI, um die Tänzer zu identifizieren. Ich hätte das in zwei Wochen nicht geschafft. KI kann die Muster, die einzelne Gefühle anzeigen, besser identifizieren als ein Mensch. Genauso kann sie hören, wenn jemand angespannt ist. (Dann sind die Stimmbänder etwas straffer und die Tonlage dadurch geringfügig höher.) Natürlich kann sie umgekehrt auch entsprechendes mit Ton- und Videobearbeitungssoftware selbst erzeugen. Ganz klar: Sie wird dabei nichts fühlen, weil sie keine Neuronen besitzt – aber Sie als Gegenüber werden davon nichts merken!

Vielleicht telefonieren Sie mit einem Kundendienst und sagen demjenigen mal so richtig Bescheid. Derjenige könnte einem leidtun, wenn er nicht eine KI wäre, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Sie merkt an Ihrer Wortwahl, dass Sie aufgebracht sind. Sie redet wenige Worte mit Ihnen und identifiziert an Ihrer Stimmlage, welche Aussagen Sie beruhigen. Dann wird sie weiter in dieser Richtung agieren. Und am Ende werden Sie möglicherweise sagen: Endlich mal jemand, der mich verstanden hat. Brauchen Sie mehr emotionale Intelligenz?

Ein letztes Zitat aus dem Magazin, weil es so wunderbar entlarvend ist: „Auf dem Brett kann ein Algorithmus zwar den Schachweltmeister schlagen, aber keine Verhandlung über das nächste Turnier führen, geschweige denn ohne menschliche Hilfe zum nächsten Austragungsort fahren.“

Ich habe selbst in einer Tonaufzeichnung gehört, wie eine KI einen Termin in einem Restaurant gebucht hat. Es ging ein bisschen hin und her, bis ein passender Tag gefunden war. Die Frau am anderen Ende der Leitung hat nicht bemerkt, dass sie gerade mit einer KI verhandelt hat. Und ich hätte es auch nicht bemerkt, wenn ich es nicht vorher gewusst hätte. Ein ganzes Turnier auszuhandeln, ist sicherlich schwieriger, aber nicht so unmöglich, wie es sich in diesem Magazin anhört. Aber besonders schön ist das letzte Argument: Nein, eine KI kann ohne menschliche Hilfe nicht zum nächsten Austragungsort fahren – weil sie nämlich bloß eine Internetverbindung braucht.

Hier wird sehr deutlich, dass man im Umgang und in der Bewertung von KI ein anderes Denken benötigt. Es führt zu heftigen Fehlurteilen, wenn wir einfach unsere menschlichen Kategorien von Intelligenz, Kreativität, Einfühlungsvermögen u. a. unangepasst auf KI anwenden. Dann kommt man zwar zu dem – vielleicht – gewünschten Ergebnis „Das kann die nicht“, aber man liegt trotzdem dramatisch daneben.

Ein letztes Beispiel – von früher, damit es einsichtiger ist: Menschen wollen ein Gerät entwickeln, um fliegen zu können. Stellen Sie sich vor, die Verantwortlichen orientieren sich an dem natürlichen Vorgang ‚fliegen‘ und sagen bei jedem Gerät, das nicht mit den Flügeln schlägt „Das kann nicht fliegen“. Wo kommen wir dann hin? Nirgendwo. Was wir mit Propeller oder Turbine tun, ist vollkommen anders als „natürliches“ Fliegen, aber im Endergebnis ist es trotzdem Fliegen.

Wenn wir uns mit neuen Technologien beschäftigen, müssen wir unser Denken anpassen. (Wir Menschen sind doch so stolz auf unsere Kreativität, oder?) Wer das nicht tut, bleibt buchstäblich am Boden, während die anderen abheben. Manchen Menschen fällt dieses Verständnis möglicherweise nicht leicht, aber dann sollte man es ihnen erklären. Dazu wäre solch ein Magazin hervorragend geeignet, und Experten sollten das eigentlich können. Vorausgesetzt, dass ihr eigenes Denken weit genug reicht.

Bitte entschuldigen Sie, dass dieser Artikel etwas länger geworden ist, aber ich wollte nicht oberflächlich sein, denn dieses Thema ist zu wichtig für uns und unsere Zukunft. Einerseits bin ich froh, dass sich in dieser Richtung etwas in unserem Land tut, aber andererseits bin ich traurig, wie wenig es ist. Die drei Milliarden Euro, die die Regierung auf sechs Jahr verteilt einsetzen will, sind nur solange imposant, wie man nicht weiß, was andere investieren.

Damit Sie sich nach diesem überlangen Artikel ein bisschen entspannen können, genießen Sie „Among the stars“, komponiert von einer KI, gespielt von Musikern des CMG Orchesters in Hollywood.

https://soundcloud.com/user-95265362/among-the-stars-op-31


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